Warum Enneagramm?

Bild03
Es geht beim Enneagramm vor allem darum, menschliche Unterschiedlichkeit zu verstehen, insbesondere um unterschiedliche menschliche Motivationen zu verstehen! Bevor ich tiefer auf das Enneagramm eingehe, möchte ich mich ein wenig mit dem Wort "Verstehen" beschäftigen.

Warum Verstehen?

  • Weil Verständnis eine manchmal vergessene Grundfunktion im menschlichen Leben hat.
  • Weil Verständnis eine spürbare Wirkung in unserem Leben hat. Es setzt blockierte Energie frei.
  • Es führt zur Akzeptanz und Wahrheit – neue Aspekte von Realität werden gesehen und angenommen.
  • Verhärtungen können sich auflösen – wir können wieder klar denken und/oder achtungsvoll miteinander umgehen.
  • Das Resultat ist – Entwicklung und Fortschritt, ‚human evolution‘ – ob in den Wissenschaften, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, oder gar in der Beziehung zu uns selber.
  • Wer Verständnis einmal in seiner Funktion genau betrachtet, wird begreifen. Wir brauchen neues Verständnis, um ein Problem – egal in welchem Lebensbereich – zu lösen. Und um unseren Fortschritt, was auch immer das für uns ist, voranzutreiben.
  • Auf das ’neu Begriffene‘ kommt es an und dass ich mich dafür öffne.

Doch wie öffne ich mich?

Indem ich neugierig bin. Das ist die zweite ebenfalls wichtige Grundfunktion, die wir brauchen, um neues Wissen in unserem Leben zu suchen und zu finden. Ich brauche eine innere, fliessende Flexibilität zwischen mir und meiner Umwelt, zwischen „Ich weiss es” und „Ich weiss es noch nicht”.

Überall wo ich ein Problem erlebe, kann ich sicher sein, es gibt einen Teil Realität, den ich noch nicht sehe oder noch nicht begreife.

Nun zum Enneagramm. Welches sind die Kräfte, die mich bewegen?

  • Das Enneagramm zeigt, dass alle Menschen eine innere Struktur in sich haben, die die eigene selektive Wahrnehmung steuert.
  • Die selektive Wahrnehmung wirkt wie eine Brille, die bestimmte Aspekte der Realität aussortiert und andere übermäßig bewertet.
  • Es gibt neun unterschiedliche ’selektive‘ Sichtweisen, die durch neun unterschiedliche unbewusste Motivationen gesteuert werden.
  • Das heißt, unsere subjektive Wahrnehmung konzentriert sich auf etwa 40° der gesamten 360° Realität, die möglich wäre.
  • Mit den unsere Wahrnehmung steuernden Motivationen beschreibt das Enneagramm also neun verschiedene menschliche Strategien, um durchs Leben zu kommen.

So ist das Enneagramm, oberflächlich betrachtet, ein Persönlichkeitsmodell. Es unterscheidet neun Persönlichkeits-Stile, ihre unterschiedlichen Sichtweisen und die unbewussten Motivatoren. Wenn ich nun die Frage „Welches sind die Kräfte, die mich bewegen?” lese, möchte ich – aufgrund meiner Erfahrungen – das Wort "unbewusst" sofort hinzufügen. Das Enneagramm bringt diese Kräfte ins Bewusstsein.

Es ist faszinierend, zu entdecken, wie diese unterschiedlichen Sichtweisen in unserem Leben wirken. Das können wir am besten durch eine kleine Geschichte veranschaulichen:

Fluss

Neun Personen spazieren durch den Wald und sehen bald vor sich einen großen, breiten strömenden Fluss. Bevor sie anfangen zu denken, gibt es eine erste intuitive persönliche Reaktion.

Hier einige Beispiele (nach Jerry Wagner, USA):

Ach, wie sieht es bloß unordentlich aus hier? Der Fluss läuft einfach kreuz und quer, wir müssen ihn begradigen und Ordnung schaffen.

So viel Wasser – da können wir den Menschen doch genug gutes sauberes Wasser zu trinken geben und die Felder bewässern.

So viel Wasser wird einfach verschwendet, da müssen wir ein Wasserkraftwerk bauen und viel Geld damit verdienen.

Aaah – die Natur in der vollen Entfaltung ihrer Schönheit! Es berührt mich zutiefst, wir dürfen sie nicht verändern.

Es ist so laut, es stört mich, es würde viel zu viel Kraft kosten, den Fluss zu überqueren. Ich will wieder in den Wald zurück und meine Ruhe haben.

Oh Nein! Diese starke Strömung ist gefährlich, darin könnte jemand ertrinken. Wir müssen Warnschilder aufstellen und einen Zaun ziehen. Was passiert bloß, wenn es zu viel regnet und der Fluss anschwillt ? Es könnte die Umgebung überfluten.

Oh toll – hier können wir so viel Spaß mit Schwimmen und Rafting haben. Hier könnten wir ein Camp für Abenteuerurlaub bauen, ich hätte noch viele gute Ideen.

Huh! Das hier soll eine starke Strömung sein? Das will ich ausprobieren, ich schwimme erstmal stromaufwärts.

Hmm, das Wasser fließt einfach so dahin – ich hole mir eine Luftmatratze und sie trägt mich ans Ziel.

Wenn wir genau betrachten, sehen wir, dass jede Sichtweise einen Hauch von Wahrheit beinhaltet. Aber wir erleben unsere eigene Wahrheit als ‚die realistische‘, manche andere Sichtweise als „Unglaublich, so könnte ich nie denken”. Wenn wir die Geschichte weiter spinnen würden, und uns die Verhaltensweisen vorstellen, die ein Resultat solcher unterschiedlichen Wahrnehmungen sein können, dann bekommen wir eine Idee, wovon ich hier schreibe. Eine große Auswahl unterschiedlicher Verhaltensweisen, aufgrund einer festen Realität (Der Fluss).

Wir könnten uns mit den unterschiedlichen Sichtweisen, und den daraus resultierenden Verhaltensmustern, die das Enneagramm beschreibt, noch lange aufhalten. Doch will ich das an dieser Stelle nicht vertiefen.

Wir fangen plötzlich an, zu verstehen, warum wir uns immer wieder in bestimmten Rollen des sozialen Lebens finden, und warum es so schwierig ist, diese Rollen zu ändern – auch wenn wir es wollen.

Wir bekommen eine erste Ahnung davon, wie stark und automatisch unsere inneren Motivatoren sind. Durch die Weisheit des Enneagramms bekommen wir Verständnis darüber, warum die anderen Sichtweisen so sind wie sie sind. Und der noch größere Gewinn scheint mir: wir können von den Sichtweisen und der Expertise der Anderen lernen und die Begrenzungen unserer eigenen ‚Realität‘ erkennen und ausdehnen.

So haben wir mit dem Enneagramm ein integratives Werkzeug, was uns auf der Ebene Menschsein viel Verständnis bringt. Ich glaube, das erleichtert fast alle Entwicklungen.

Ich habe bis heute noch keinen erlebt, der nicht fasziniert war, von diesem Wissen zu hören, wenn gleichwohl eine erste gesunde Skepsis häufiger anzutreffen ist. Ich begrüße diese Skepsis und denke, man sollte nichts über das Menschsein glauben, was man nicht als Wahrheit an sich selbst und an Anderen beobachten, erfahren und verstehen kann.

Erst als ich mit Erstaunen feststellte, wie genau das Wissen des Enneagramms meine inneren Muster von Denken, Fühlen und Verhalten beschreibt, wurde ich für das Thema offener. Mir wurde klar, dass meine automatischen Muster, an dessen Änderung ich schon so lange gearbeitet hatte, durch eine mir bisher unbewusste Motivation sehr stark in mir verankert waren.

Jetzt kommen wir zu der inneren Struktur und den Motivatoren. In Enneagrammbüchern bekommen sie Namen, die uns bekannt vorkommen – wie Wut, Stolz, Neid, Geiz, Zweifel, Unersättlichkeit usw. Es sind alles Namen für eine bestimmte treibende Form von Lebensenergie.

Wer danach sucht, kann in hunderte Jahre alter Literatur, wie Chaucer’s Canterbury Tales, oder Dante’s Inferno, aber auch in den Schriften der verschiedenen heiligen Traditionen (über tausend Jahre alt), Beschreibungen über diese sogenannten Leidenschaften, Passions oder Motivationen finden.

Warum ist das Enneagramm wichtig?

Weil das ‚Nicht Wissen und Nicht Verstehen‘ zu vielen Verhärtungen und Verletzungen im Zwischenmenschlichen und zu Unfreiheiten im eigenen Leben führen kann. Weil das ‚Nicht Verstehen‘ die Autonomie über unser Leben und unsere Beziehung zu uns selber auf eine Art und Weise reduziert, die unser eigenes Selbst-Bewusstsein nachhaltig einschränkt.

Das Wissen über menschliche Unterschiedlichkeit, das wir durch das Enneagramm erfahren, gehört meines Erachtens in die Welt, weil unser kollektives menschliches Selbst-Bewusstsein und unser Selbst-Wert-Gefühl, durch das Wissen um uns Selber und Andere erweitert wird.

Durch zunehmendes Selbst-Bewusstsein stabilisiert sich unseres Selbst-Wert-Gefühl. Es wird freier von einem Messen des eigenen Wertes im Vergleich zu Anderen. Das führt zu einem besseren Miteinander.

Erkenne Dich selbst und Du wirst die Welt erkennen.

Dass Enneagramm erklärt auf eine sehr genaue Art und Weise menschliche Unterschiedlichkeit – und zwar unabhängig von Glaube, Rasse, Nationalität, Bildungsstand oder wirtschaftlichem Erfolg!

Inneres Wachstum und das Enneagramm

Das Enneagramm baut eine Brücke für interessierte Leute, die ihre eigene Entwicklung in der Welt mit innerem Wachstum verbinden möchten. Wenn es wahr ist, dass unsere gesamte Verhaltensstrategie in der Welt durch eine tiefe, in uns verwurzelte Leidenschaft oder Motivation gesteuert wird, dann wäre es ganz nett, diese wenigstens zu kennen. Unser Verhalten ist die Eingangstür zu unserer inneren Motivation und zu unserem wahren Selbst. Wenn wir lernen, unsere automatischen Verhaltensstrategien (ausgelöst durch unseren Wahr-Nehmungs-Stil) zu beobachten und zu stoppen, haben wir die Chance, unsere Aufmerksamkeit nach innen zur aufsteigenden Energie zu richten. Genau an dieser Stelle können wir eine Praxis üben für die Transformation der Leidenschaft zu unserem höheren Potential bzw. zur Tugend. Durch diese Praxis erhöhen wir die Ebene unseres Bewusstseins.

Unterhalb der Leidenschaft können wir noch viel mehr über unser wahres Wesen erfahren. Wenn ich mein Verhalten ändere, rüttele ich auch an der inneren Motivation. Das kann sich recht herausfordernd anfühlen, je nachdem wie eingeübt ein bestimmtes Verhalten in unserem Leben ist. (Wissenschaftlich/biologische Studien über ‚Neuron Pathways‘ belegen diesen automatischen Aspekt.)

Während einer Rückzugsphase, kann ich in mich gehen. Wenn ich mich dann wieder auf den Marktplatz des täglichen Lebens begebe, sind mein automatischer Wahr-Nehmungs-Stil und das dazu passende Verhalten wieder da. Deswegen ist es notwendig, mit der inneren Entwicklung dort anzufangen, wo ich meine Handlungsstrategie verändern kann: in der Welt. Der Weg heißt „Wach werden und beobachten lernen”; das Loslassen alter einschränkender Verhaltensgewohnheiten; das Integrieren von neuen und meine bisherige Strategie ergänzenden Verhaltensweisen, während ich mich im Leben bewege!

Wir können lernen, mit Neugierde und ohne Bewertung, unsere Gewohnheiten, auch unseren Wahr-Nehmungs-Stil zu beobachten, sie zu verstehen und als Hinweis auf unsere eigene Intuition wahrzunehmen. Das ist die tägliche innere Kleinarbeit – körperlich spürbar – an der wir uns wirklich weiter entwickeln können. Diese Kleinarbeit setzt viel Energie frei für neue Wege und Erfahrungen. Hier beginnt die Brücke zum wirklichen Selbst-Bewusstsein und zu der eigenen Spiritualität.

Wer den Willen hat, an der eigenen Entwicklung zu arbeiten, kann mit Hilfe des Enneagramms einen wunderschönen und lehrreichen Weg gehen und wirkliche innere Veränderungen erreichen: ein reiferes Selbst-Bewusstsein, mehr Kraft und eigene Kreativität, erhöhtes Selbst-Wert-Gefühl, Zufriedenheit, Achtung und Liebe.

Das Enneagramm in allen Beziehungen

Neues Wissen und Verständnis über menschliche Unterschiedlichkeit löst Verhärtungen in Beziehungen auf. Wir bekommen viel neues Wissen über unterschiedliches menschliches Verhalten, auch wie Konflikte erlebt und bewältigt werden. Es heißt nicht „Ich muss mich verändern” oder „Du musst Dich verändern”. Es heißt, „Du und ich können mit unserer Unterschiedlichkeit mehr zum gemeinsamen Ziel beisteuern”.

Das Enneagramm im Team

Wenn die Akzeptanz groß ist, dann passt sich unser Verhalten leichter an, die Synergie ist gut, wir unterstützen uns gegenseitig, um unser volles Potential zu entwickeln. Gute Synergie führt zu erfüllendem und effektivem Arbeiten. Erfüllend und Effektiv, beides ist wichtig für den bestmöglichen Erfolg.

Erfüllung ohne Effektivität ist für die Wirtschaft nicht gut, und Effektivität ohne Erfüllung ist für die Menschheit nicht gut – beides zusammen führt zu Spitzenleistungen. Die besten ‚Management-und-Entwicklung‘-Schulen der Welt wissen es.

Ich beobachte, dass Erfolg, der auf Kosten menschlicher Grundbedürfnisse erreicht wird, seinen Preis hat, und er führt unweigerlich irgendwann zum Zahltag. Vielleicht gibt uns die wirtschaftliche Entwicklung in der westlichen Welt, wo Geld und Materialismus, Mode und Körperkult, dem Leben häufig einen Sinn geben, ein mahnendes Beispiel, denn gleichzeitig spüren wir das Bedürfnis nach erfüllenden und achtungsvollen Beziehungen, und die Neugierde, die körperlichen, emotionalen und geistigen zwischenmenschlichen Zusammenhänge zu verstehen.

Ich würde sogar heute behaupten, solange das ‚Nicht-Verstehen‘ und die daraus resultierenden Verhärtungen in zwischenmenschlichen Beziehungen (und in der Beziehung mit uns selber) anhalten, solange kann es kein effektives Fliessen von klarer, kreativer Handlungsenergie geben.

Ich bin eine von diesen neun Persönlichkeiten – es wäre interessant zu lesen, was ein anderer ‚Stil‘ hier schreiben würde. Es würde die Unterschiedlichkeit sicherlich wieder deutlich machen.

© 2016 - 2020 by IDEART-Agentur.de • All rights reserved • Powered by WordPressImpressum