Erfahrungsberichte und Kommentare

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Gespräch zum Thema „Enneagramm“
während des Ökumenischen Kirchentages 2003

Auszüge aus einem Gespräch während des Ökumenischen Kirchentages 2003 zum Thema „Enneagramm“ zwischen Rainer Fincke, Anselm Grün, Andreas Ebert, Tiki Küstenmacher und Helen Palmer.

Warum ist es sinnvoll, sich mit dem Enneagramm zu beschäftigen? Wie unterscheidet es sich von anderen Persönlichkeitsmodellen? Es ist zweifellos ein sehr präzises Modell, um menschliche Unterschiedlichkeit zu erklären, das sind andere Modelle vielleicht auch?!

Also kritisch gefragt – warum Enneagramm?

Meine Antwort: Weil es uns auf unsere selektive Art wahrzunehmen und zu denken aufmerksam macht – und weil es uns Wege eröffnet, unser vermeintlich unveränderbares Temperament in uns (die Leidenschaften) aufzuspüren und in das höchst mögliche Potential zu verwandeln. Das bedeutet Selbst-Bewusstsein, Glück und Effektivität.

Diese Frage hat Rainer Fincke während des Ökumenischen Kirchentags 2003 an Anselm Grün, Andreas Ebert, Tiki Küstenmacher und Helen Palmer gestellt – alle annerkannte Enneagrammexperten. Ich hatte das große Glück dabei zu sein. Hier einige Auszüge:

Andreas Ebert (er schrieb das erste Enneagrammbuch in Deutschland):
„Das Enneagramm beschreibt die Sicht des Menschen, geht im wesentlichen auf die christlichen Wüstenväter (Evagrius Ponticus) im 3. und 4. Jahrhundert zurück. Sie haben die Lehre entwickelt von den neun Gedanken, die einerseits ein Hindernis, andererseits aber auch Kraftquellen sind. Es gibt also sozusagen neun Energien, die sehr ambivalent sind. Sie können uns behindern, aber in jeder dieser Energien steckt auch etwas ganz Wunderbares, eine Kraft auf dem Weg zur Selbstverwirklichung. Dieses Konzept, dass es eine begrenzte Anzahl von Kräften gibt, die gleichzeitig förderlich und hinderlich wirken, geht auf Pythagoras zurück. Das hat die Kirche später weiterentwickelt und moralisiert, bis hin zur Lehre der sieben Todsünden (Leidenschaften).

Da hat mir das Enneagramm zunächst persönlich unglaublich geholfen, bis zum heutigen Tag. Auch wenn ich merke, wie subtil es ist, dass die groben Muster sich allmählich abschleifen, es dann aber noch tiefer geht. Das war für mich selber eine existentielle Erfahrung.”

Helen Palmer:
„Ich beobachtete bei meinen besten Studenten, als die anfingen, Intuition zu praktizieren, dass eine Barriere, ein Widerstand einfach in ihrem Leben erschien. Es war dort vorhanden in ihrem Familienleben, in ihrem Arbeitsleben und auch in ihrem spirituellen Leben. Genau das was ich erlebt hatte, wann auch immer meine psychologische Struktur irgendwie gewackelt hatte, dann war Angst in jedem Bereich meines Lebens und die Leidenschaft der Furcht florierte (Anm.: Helen ist Stil 6 im Enneagramm [ich spreche inzwischen von „Stil“ und nicht mehr von „Typ“, weil das Enneagramm für mich keine Typologie mehr ist]). Ich habe bei meinen Studenten bemerkt, dass sie unterschiedliche Barrieren haben. Und da ich damals noch naiv war, dachte ich, jede einzelne Person hat auch eine individuelle Barriere. Ich habe damals nicht gewusst, dass es eine Codierung, ein System gibt, das Jahrhunderte alt ist, das genau dieses System von Barrieren beschreibt. Und zu meinem Erstaunen hat das etwas mit ‚Christsein‘ zu tun. Ich hätte zuvor niemals diese sieben Todsünden als eine Quelle von Heilung betrachtet.

Ich habe das Enneagrammsystem in 1971 gelernt in seiner damaligen sehr einfachen und rauen Form. Ich habe das eigentlich sofort als eine Erneuerung betrachtet von etwas, das schon sehr alt war. Ich war Psychologin, ich habe auch meditiert – für mich versprach es, eine Brücke der Integration zwischen einem spirituellen und einem psychologischen Selbst. Und jetzt möchte ich Psychologen über diese Methode lehren. Ich kann meine eigene Struktur nicht bekämpfen und ich kann davor auch nicht weglaufen. Aber ich kann sie entspannen mit einer kontemplativen Methode (Anm.: betrachtendes, anschauendes Leben). Das, finde ich, ist die größte Gabe des Enneagramms für uns.”

Tiki Kustenmacher (Autor von »Simplify your Life«)
„Ich wusste sofort, das ist es. Ich fand, dass ich ein sehr kompliziertes Leben habe und dass das Leben auch immer komplizierter wird. Das Leben soll einfacher werden, im guten Sinne. „Auf das Wesentliche kommen“, „Auf das Zentrum kommen“. Das Buch ist international sehr erfolgreich, auch in Japan, Süd Korea und China.

Da haben wir ein System aufgestellt, dass sich an folgenden Fragen orientiert. Was ist eigentlich mein Leben oder wenn ich sage, mein Leben ist kompliziert, wo genau ist es denn kompliziert? Wer bin ich selbst, was sind meine Stärken und Schwächen? Da habe ich nie etwas Besseres gefunden als das Enneagramm, um zu den eigenen Stärken und Schwächen zu kommen. Ich weiß noch genau, wie er (Andreas Ebert) dann diese neun Punkte erklärt hat und mir war sofort klar, bei dem Typ Sieben, das bin ich, und zwar nicht, weil ich es so toll fand, sondern weil ich auch so schockiert war. (…) und das erlebe ich immer wieder, das Enneagramm hat etwas Schockierendes, wenn man zum Beispiel merkt, was die eigene Wurzelsünde oder Leidenschaft ist.”

Frage: Was hat dich da schockiert?

Tiki Kustenmacher:
„Die Unmäßigkeit, die Maßlosigkeit. Na ja, wenn ich ehrlich bin, ich fand es ja auch irgendwie geil, dass ich kein Maß hatte. Dass ich immer gesagt habe, alles ist möglich.
Das ist natürlich eine wichtige Erkenntnis, dass das auch etwas Schreckliches ist, Maßlosigkeit. Wenn alle so wären, das wäre ja furchtbar. Es ist auch für mich selbst oft furchtbar. Bloß traut man sich da nicht hinzuschauen. Dass dieses Furchtbare, diese Wurzelsünde, auf der Rückseite die Gabe hat, das finde ich die fantastische Einsicht am Enneagramm. Dass wir unsere Stärken und Schwächen immer nur in dieser Zweier-Packung bekommen. Das finde ich eine ganz, ganz wichtige Einsicht!

(…) was ich noch erzählen wollte, weil es mir am Herzen liegt, als ich dieses Neun-Zahl-Modell des Enneagramms vorgeführt bekam von Andreas Ebert und später von Richard Rohr, fiel mir natürlich sofort auf, es sind die sieben Todsünden, plus Zwei, die gefehlt haben. Es gibt eine kleine Bemerkung bei Richard Rohr im Buch, “…wahrscheinlich haben die gefehlt bei den sieben Todsünden, weil Lüge und Angst die beiden Wurzelsünden sind, mit denen die Kirche selbst arbeitet und regiert. (…)” (Anm.: Zölibat, Verhütung, getrenntes Abendmahl usw.) da könnte das Enneagramm mit dieser tollen Einsicht von Lüge und Angst weiterhelfen. Lüge und Angst gehören zusammen, die Menschen haben Angst, die Lüge loszulassen, weil dann irgendetwas Schreckliches passieren könnte. Ich glaube, es gibt nichts Befreienderes für beide Kirchen, als sich von der Lüge zu befreien.”

Anselm Grün:
„Ich denke, bei Evagrius Ponticus, da waren die neun Kräfte schon da, auch diese beiden Bereiche: Lüge und Angst. Die Kirche hat sie später auf sieben Todsünden reduziert. Nicht Lüge und Angst sind die Hauptthemen der Kirche – auch wenn es sicher Probleme damit gibt. Ich denke die beiden Schattenseiten der Kirche sind eher Sexualität und Macht.

Mein Zugang zum Enneagramm war das Buch von Richard Rohr und Andreas Ebert, es hat mich fasziniert, weil ich eben darin die ältere Tradition gesehen habe. Evagrius Ponticus hat ja schon diese Lehre von den neun Laster neu geschrieben und es sind eben Leidenschaften, Kräfte, die wichtig sind für den Menschen. Aber der Mensch muss sie annehmen und anschauen, nicht beherrschen, sondern man muss mit ihnen umgehen. Wenn ich spreche mit den Leidenschaften, dann führen sie mich zum Schatz, dann führen sie mich zum wahren Selbst. Wenn ich den Mut habe, hinabzusteigen in die eigene Seele, den Mut zu eigener Menschlichkeit zu haben. Evagrius sagt, „willst du Gott erkennen, lerne vorher dich selber kennen.“ Deswegen ist für mich Psychologie und Spiritualität kein Gegeneinander sondern ein Miteinander. Das Enneagramm ist für mich eine Ergänzung.

Das andere, Meditation. Die Mönche haben seit dem 3. Jahrhundert meditiert, aber sie haben sie nicht erfunden, sondern sie haben sie wahrgenommen von Pythagoras, von ägyptischen Priestern, von ägyptischen Religionen und genauso ist das Enneagramm. Es hat vermutlich Wurzeln in allen Kulturen, in Ägypten, in Persien, in Griechenland und überall und – die Christen oder die Mönche haben das was urmenschlich ist, verchristlicht. Ich denke, das ist wichtig auch im Dialog in den Religionen.”

Frage: Was verstehen sie unter ‚das wahre Selbst?‘

Anselm Grün:
„Ich könnte es theologisch sagen – das einmalige Bild, das Gott sich von jedem Menschen gemacht hat oder das einmalige Wort. Die Aufgabe des Menschen ist, dieses einmalige Wort, das Gott nur über mich spricht zu entwickeln und zu formen und dieser Welt vernehmbar zu machen.

Was dieses „Selbst“ ist, das erfahre ich eben im Dialog mit meiner eigenen Lebensgeschichte, im Dialog mit meinen Emotionen, mit meinen Leidenschaften, mit meinen Verletzungen. Ich erkenne es dort, wo Stimmigkeit ist, wo das Leben stimmt. Also es gibt die Kriterien Stimmigkeit, Frieden, Lebendigkeit. Wo etwas fließt. Freiheit, wo ich innerlich frei bin. Das Selbst ist eben mehr als meine Lebensgeschichte, es ist so etwas Ursprüngliches, Unberührtes, Unverfälschtes, Authentisches und das erlebe ich eben nur im Dialog, im genauen Hinhören auf Gottes Stimme, die eben in meinen Leidenschaften ist. Gott spricht zu uns und er spricht in fünf Bereichen zu uns. Einmal in den Emotionen und Leidenschaften, das ist das Thema des Enneagramms. Im Leib, der Leib ist ein wichtiger geistiger Partner in den Träumen. In der Arbeit, wie jemand arbeitet, das sagt ganz viel über die eigene Seele aus, und in den Beziehungen. Diese fünf Bereiche sind der Ort, wo Gott zu uns spricht. Ich denke, deswegen ist für mich das Enneagramm etwas Spirituelles, Gottes Stimme in mir zu hören.”

Es wird deutlich, dass das Wissen des Enneagramms Urmenschlich ist, unsere Sichtweisen, tiefe innere Motivationen (Kräfte), Stärken und Schwächen genau beschreibt und uns Entwicklungswege öffnet. Wenn wir dieses Struktur-Modell zur Hilfe nehmen, um mit unserer Struktur zu arbeiten, anstatt sie zu bekämpfen, baut es eine Brücke zwischen Psychologie und Spiritualität – und weist einen Weg zum wahren Selbst, zum ’sich selbst bewusst sein‘.Was bedeutet es für unseren Alltag? Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, unser höchst mögliches Potential zu leben – im Alltag, im Beruf und in unseren Beziehungen. Und es hat etwas mit Zufriedenheit zu tun. Wir erkennen, dass wir sie durch die Schattenseiten der Leidenschaft verlieren – und durch die Glanzseiten der selben Energie, durch die Kraft der Tugend, können wir sie schnell wieder finden.

Erfahrungsbericht – Mein Weg mit dem Enneagramm

„Vor etlichen Jahren begegnete mir der Begriff „Enneagramm“ zum ersten Mal zufällig in einer Art Talkshow, von der ich nicht mehr weiß, worum es da ging. Jedenfalls war dort eine Schweizerin zu Gast, die offensichtlich mit dem Enneagramm arbeitete. Selbstverständlich wurde sie auch von dem Moderator gefragt, welche Aussagen sie vor dem Hintergrund dieses Modells sowohl über die übrigen vorherigen Gäste als auch über ihn selbst machen könne, und ich erinnere mich, dass ihre Antworten – obwohl alle Personen für sie unbekannt – offensichtlich so treffend waren, recht erstaunt zur Kenntnis genommen wurden. Wie es der Zufall (oder auch nicht) wollte – einige Tage später berichtete mir eine Patientin von einem Enneagramm-Buch von Helen Palmer. Nun endgültig neugierig geworden, kaufte ich es mir und las los, und ich muss sagen, es hat mich sofort umgehauen. Ich hatte bereits viele Jahre Therapien, Selbsterfahrung und Ausbildungen in anderen ganzheitlichen Modellen hinter mir, aber das, was ich dort las, war die Essenz, die Wurzel, die Quelle, an die ich trotz aller Wege, die ich bereits beschritten hatte, nie richtig herangekommen war – das wurde mir jetzt beim Lesen in aller Deutlichkeit klar. So verstand ich zum ersten Mal meinen Mann (8) in seiner Interaktion und meine Kinder (4), und manches fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich begriff, – und ich lerne auch heute ständig erstaunt dazu – dass es nicht nur eine, nämlich meine Weltsicht gibt, sondern zumindest neun vollkommen unterschiedliche und diese Verschiedenheit füllte sich urpötzlich mit Leben. Das Enneagramm hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Auf der Suche nach mir selbst stutzte ich seinerzeit beim Lesen zwar bei der 6, aber in der 9 fühlte ich mich zu Hause, sie traf mein damaliges Lebensgefühl total. Mit diesem „Skript“ habe ich viele Jahre gearbeitet, und das war gut so.

Tueren

Nachdem ich Schichten über Schichten sozusagen abgetragen hatte, begegnetet ich der Provokation meiner Enneagramm-Lehrerin Pam Michaelis. Und dieses Mal musste ich durch einen sehr sehr großen Widerstand, nämlich zu akzeptieren, dass ich tatsächlich eine 6 bin. Die 6 war für mich bislang nur ein von mir angeschautes Thema, wenn ich total in Sorge und Panik war (und das war ich, wie ich heute erkenne, eigentlich meistens) – also für mich mein Stresspunkt. Mir ist die 9 auch heute noch überaus vertraut – und das wundert mich auch nicht angesichts meiner Familiengeschichte, aber ich musste erkennen, dass mein Aufmerksamkeitsstil fast immer von Angst und Unsicherheit und einem ganz schnell anspringenden Zweifel geprägt war und ist. Seitdem mein innerer Beobachter das erkennen und akzeptieren kann, hat sich der nächste große innere Raum in mir geöffnet, es geht weiter.

Es ist keineswegs immer angenehm, neue Räume zu betreten, oft ist eher das Gegenteil der Fall. Aber wenn man sich umgeschaut hat, ist es großartig und wunderbar und alles fügt sich zusammen und ergibt einen Sinn, der sich stetig mehr vertieft, wenn man sich darauf einlässt. Ich kann ganz und gar nicht nachvollziehen, wieso manche Menschen von „Schubladen“ sprechen, wenn sie vom Enneagramm hören. Für mich ist genau das Gegenteil der Fall. Das Enneagramm holt uns aus den Schubladen heraus und zeigt uns unser gesamtes Potential. Es ist zutiefst spirituell, es macht das Leben (zumindest das Meinige) nicht immer leichter aber unglaublich reich.” [www.heilpraxis-goedicke.de]

Heidi Goedicke befasst sich seit 1985 mit Shiatsu und hat ihre 3-jährige Ausbildung zur Shiatsu-Therapeutin 1989 an der Schule für Shiatsu unter der Leitung des Arztes W. Rappenecker abgeschlossen. Die Kriterien dieser Schule entsprechen internationalen Ansprüchen und Standards. Seither arbeitet sie in eigener Praxis. Parallel dazu erfolgten regelmäßige Weiterbildungen in Traditioneller Chinesischer Medizin und humanistischer Psychologie. 1992 begegnete ihr das Enneagramm, in dem sie sich seither in vielen Seminaren und Fortbildungsgruppen unter der Leitung von Pamela Michalis weiterbildet. Der Körper hat ein Gedächtnis – das Wissen um das Enneagramm vertieft die Shiatsu-Körperarbeit und unterstützt subtil die Auflösung alter im Körper abgespeicherter Muster.

Weitere Kommentare

„Ich habe damals große Widerstände gespürt, als ich von 9 Typen des Enneagramms hörte. Meine Reaktion war: „Es kann nicht richtig sein, die Menschen in Schubladen zu stecken“. Nun beschäftige ich mich schon seit vielen Jahren mit dem Enneagramm und habe meine Meinung geändert. Ich habe noch nie eine Theorie erlebt, die uns so präzise auf uns selber reflektieren lässt. Ich kann mir meine Arbeit ohne das Wissen des Enneagramms nicht mehr vorstellen.” [H.W.]

Das Enneagramm steckt die Menschen nicht in Schubladen. Im Gegenteil, es zeigt einen Weg sich von Begrenzungen zu befreien.
[Helen Palmer]

„Das Modell des Enneagramms ist aus unzähligen Beobachtungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Zeitepochen entstanden. Prof. David Daniels forscht seit vielen Jahren am psychologischen Institut der Stanford Universität in Palo Alto, Kalifornien. Das Enneagramm scheint die bislang beste Typologie zu sein, um die Charakterstrukturen des Menschen kultur- und gesellschaftsübergreifend überzeugend zu beschreiben.” [ÖAE e.V. 2005]

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